Die etwas anderen Reiseberichte...



Startseite

Blog-Themen:

Sonstiges:

Links:
Die Strukturdiskussion geht am Thema vorbei...

Die in Hamburg geplante Reform ist nur ein kleiner Schritt in die richtige Richtung. Was ist eigentlich die Grundfrage? Welche Aufgabe hat Schule denn?

Sie soll unsere Kinder auf das Leben vorbereiten und allen Menschen die erfolgreiche Teilnahme am gesellschaftlichen Leben - nach ihren Fähigkeiten - ermöglichen.

Wir wollen also unsere Kinder auf das Arbeitsleben vorbereiten. Wie sieht das aber aus? Auf welche Fähigkeiten kommt es da an? Was benötigt ein Mensch im späteren Beruf, um erfolgreich zu sein?

Ich sehe folgende wichtige Punkte:
- solides Grundwissen
- ausgebildete Fähigkeit zur rationellen Wissensaufnahme
(Fähigkeit zum eigenständigen rationellen Lernen)
- soziale Kompetenz und Erfahrungen
(Kinder bilden ihr soziales Verhalten in Abhängigkeit vom Umfeld aus)
- Erfahrung der eigenen, individuellen Stärken als Orientierung zur individuellen Berufswahl
(Lebensentwurf)
- Ausbildung der Kreativität

In diesen Punkten soll und muss die Schule den Jugendlichen das Bestmögliche bieten und vermitteln.

Aus Sicht meiner Erfahrungen im Hochschulbereich kommen die Studienanfänger mit immer unterschiedlicherer Vorbildung zum Studium. Viel schwieriger ist aber, dass die wenigsten das Lernen an sich gelernt haben. Reines Faktenwissen ist zwar vordergründig gut, ersetzt aber nicht die Fähigkeit, sich mit gefestigten Lernstrategien auf Neues einstellen zu können.

Viele angehende Studenten "lernen" mit enormen Aufwand, es kommt aber sehr wenig dabei heraus. Sie haben oft keine persönlich angepasste, effektive Methode zur Wissensaufnahme. Diese bildet sich zwangsläufig erst mit weiterem Fortschritt des Studiums heraus oder die fehlende Effektivität führt zum Abbruch desselben.

Wie rationelles Lernen funktioniert, und wo die persönlichen Stärken und Schwächen dabei liegen, kann man am gut trainieren, wenn man Leistungsschwächeren hilft. Insofern sind Lerngruppen für die leistungsstärkeren Schüler sowohl ein Fähigkeitstraining als auch eine soziale Erfahrung.

Dazu kommt, dass die Studienanfänger immer weniger ihre eigenen Stärken, Interessen und Ziele kennen. Sie können schlicht nicht benennen, was sie persönlich eigentlich wollen und was sie persönlich zu einem erfüllten Leben führt. Damit sind sie aber beeinflussbarer durch alle verständlichen Versuche der Eltern, aus ihrem Kind „etwas zu machen“. Bei Eltern, denen die Zukunft ihrer Kinder eher egal ist, sind sie einfach hilfloser, ihre Zukunft selbst zu gestalten.

Die Folge ist, dass viele Jugendliche einen fremdbestimmten Bildungsweg einschlagen und erst mit großer zeitlicher Verzögerung ihre eigentlichen Interessen erkennen und versuchen umzusetzen. Das ist für den Einzelnen äußerst anstrengend, aber auch gesellschaftlich verhängnisvoll.

Nicht die Verkürzung der Ausbildung (wie z.B. Bachelor) führt zu einem zeitigeren Eintritt der Jugendlichen ins Berufsleben. Viel effektiver ist es, die Jugendlichen zu einer effizienteren Lebensplanung zu befähigen. Wir sollten diskutieren, was dazu nötig ist.

Schule sollte also die Jungendlichen auf das "reale" Erwachsenenleben vorbereiten. Dazu müssen den Jugendlichen aber Einsichten einerseits in dieses "reale" Leben möglich sein und andererseits müssen sie Ihre eigenen Stärken und Interessen austesten können, Schule muss sie dabei unterstützen.

Entscheidend ist also nicht, in welcher Schulstruktur wie viel (möglichst viel?) „Wissen“ in die Schüler hineingestopft wird, sondern wie die Schule die Jugendlichen aufs Leben vorbereitet. Und da bin ich sicher, dass mit jedem Schultyp hervorragende Ergebnisse erzielt werden können, weil es eben nicht von der Struktur abhängt, wie Schüler durch die Lehrer betreut werden, wie ihnen das für sie Wesentliche vermittelt wird - Grundwissen, Fähigkeit zum rationellen Lernen und soziale Kompetenz.

Eine deutsche Untugend ist es, alles bestmöglich zu komplizieren. Im Bildungswesen ist das besonders sichtbar. Den Jugendlichen wäre eine bundesweite, einheitliche Struktur des Bildungswesens zuträglich. Schrittweise sollten wir das Bildungssystem umbauen zu einer Grundschule und einer anschließenden Oberstufe (Gymnasium). So wären die immensen Mehrfachkosten, die den Jugendlichen nichts bringen, vermeidbar. Das für die strukturelle Vielfalt erforderliche Geld sollten wir lieber direkt in den Schulen einsetzen.

Auch das Argument, das Wettbewerb verschiedener Strukturen bessere Ergebnisse bringt, ist hinfällig. Die Struktur ist nicht die entscheidende qualitative Kenngröße. Wir brauchen Schulen, die sich um die eigentlichen Bedürfnisse unserer Kinder kümmern und ihnen, jedem einzelnen, dabei helfen, den Bildungsweg zu absolvieren und den Beruf zu ergreifen, in dem sie ihre persönlichen Stärken umsetzen können.

Egal welche Struktur, wenn es wirklich um die Kinder geht, wird die Arbeit auch innerhalb verschiedener Strukturen immer ähnlich aussehen. Wir sollten also die Diskussion um Strukturen endlich ersetzen durch eine Diskussion, wie unsere Kinder in einer überschaubaren und kostengünstigen Struktur bestmöglich aufs Leben vorbereitet werden können.

(Kommentar zum Zeit-Online-Artikel: http://www.zeit.de/2010/29/01-Schulreform?commentstart=65#cid-786160)
17.7.10 19:32
 

Gratis bloggen bei
myblog.de