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Zitat von Argosch Beitrag anzeigen
Sie waren vermutlich nicht dabei... Sie erzählen nur Erzähltes!
MfG Argosch
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Hallo Argosch, schade, dass Sie mir nicht glauben. So will ich die Situation noch einmal schildern, als sich entschieden hat, ob es zu einem Blutbad kommt...
Gestartet an der Nikolai-Kirche, marschieren wir um den Ring, am von Polizisten komplett abgesperrten Hauptbahnhof vorbei. Wir waren etwa hundert Meter hinter der Spitze des Zuges.
Die Stadt hatte die meisten Straßenlaternen ausschalten lassen, es war duster und kalt - es war ja schon der 9.Oktober. Die Menschen riefen in Sprechchören vor allem zwei Losungen: "Wir sind das Volk" und "Keine Gewalt". Die ganze Stadt war erfüllt von diesen machtvollen Rufen, während wir schon an der "Blechbüchse" waren, liefen die letzten an der Nikolaikirche los...
Dann bogen wir an der "Blechbüchse" unter der (nicht mehr vorhandenen) Fußgängerbrücke nach links ab, in die Richtung der Stasi, der "Runden Ecke". Auf Höhe der Feuerwache standen vielleicht 30 Polizisten, mit Kalaschnikows ausgerüstet, hinter mobilen, halbhohen Absperrzäunen, die sie quer über die Straße gestellt hatten. Die Demonstranten sollten offensichtlich nicht bis zur Stasi-Zentrale gelangen.
Die Spitze des Zuges, ungefähr 100m vor uns, hielt vor den Gittern an. Es kam nun der anschwellende Ruf von vorn: "Umdrehen, umdrehen". Gleichtzeitig strömten aber die Massen weiter von hinten nach, da sich gar nicht so schnell mitbekamen, was da vorn los war. Es wurde eng..
Wenn jetzt ein Demonstrant falsch reagiert hätte oder ein Polizist, zigtausenden Demonstranten gegenüberstehend, die Nerven verloren hätte, dann wäre es zu einem Blutbad mit anschließendem Bürgerkrieg gekommen...
Doch wie durch ein Wunder begannen die Polizisten plötzlich die Gitter beiseite zu räumen und der Zug setzte sich wieder in Bewegung. In einer Doku im Fernsehen habe ich gesehen, dass kein Befehl von Berlin vorlag und der örtliche Kommandant eigenmächtig entschieden hatte...
Vor der Stasizentrale kam es dann zu einer friedlichen Kundgebung, hier war dann auch der Ruf: "Stasi in die Volkswirtschaft" zu hören - aber es blieb friedlich.
An diesem Abend war für viele das Gefühl entstanden, dass die Regierung schwächer als das Volk ist. Mit dem Öffnen der Zäune hatten die Bürger gewonnen - aber was wäre denn die Alternative gewesen?
Was hätte denn ein Blutbad gebracht? Viele Tote, Leid und Bürgerkrieg. Die Entwicklung wäre verzögert, aber nicht
aufgehalten worden.
Die Friedensbewegung und all die Aktivitäten, für die die Aktivisten teilweise einen hohen Preis gezahlt haben, haben diesen Abend vorbereitet. Sie waren die Aktivisten, sie haben den Boden bereitet für das "Es reicht...", das besonders durch die rabiate Vorgehensweise am 7. Oktober gegen die Demonstranten in Berlin und anderen Städten beförderet wurde. In Leipzig wurden an diesem Tag auch Demonstranten festgenommen und wie Vieh auf dem Gelände der "Agra" (damals Landwirtschaftsausstellung) in Ställe gesperrt.
Wahr ist aber - man hatte sich auf einige tausend Demonstranten eingestellt, plötzlich marschierten aber 80'000 um den Ring... "Wir sind das Volk" "Keine Gewalt".
Die Ereignisse haben gezeigt, dass keiner am Volk vorbeikommt, wenn es sich einig ist, wenn die Situation da ist. Das Fazit sollte meiner Meinung nach sein, sich friedlich für eine Sache einzusetzen, bis der Tag kommt, an dem die Mehrheit des Volkes sagt: Es reicht!"
Kommentar zu Artikel in Spiegel Online